Interview mit Jen Majura (Evanescence)

English version will be published on Metal On Loud Magazine.

13036422_1242004329145640_1921841888_oIm Backstage-Bereich der Börse in Wuppertal sitzt mir Jen Majura gegenüber. Sie spielt Gitarre und Bass, ist Sängerin und Songwriterin. Und sie ist Inhaberin und Geschäftsführerin der Music School Brilon. Seit 2002 ist sie Profimusikerin. Sie gründete eine der powervollsten AC/DC All Girls Tribute-Band (Black Thunder Ladies). Weiterhin wirkte sie bei Studioproduktionen von Blind Guardian und Rage mit. Live ist sie u.a. bei Knorkator (als Rhythmus-Gitarristin) zu sehen. Ca. ein Jahr spielte sie bei Equilibrium Bassgitarre. Und bei ihrer eigenen Band DOZ of HELL steht sie am Mikrofon und spielt Gitarre. Seit August ist Jen Majura auch Gitarristin bei Evanescence. Aber jetzt muss sie sich erst mal meinen neugierigen Fragen stellen.

Jen, Du spielst Gitarre, Bass und Du singst. Gibt es weitere Instrumente, die Du spielst?

Jaa, ich spiel unter anderem noch ein wenig Schlagzeug, außerdem Klavier seit meinem sechsten Lebensjahr, mit acht kam Gitarre dazu, bei der ich dann auch geblieben bin. Logischerweise spiele ich auch Bass, irgendwann habe ich angefangen zu singen. Auch Geige habe ich mal gespielt, das habe ich aber ganz schnell wieder bleiben lassen, denn Geige ist mal so gar nicht mein Ding. So ist es auch mit dem Saxophon, aber all diese Instrumente habe ich nur so ein bisschen nebenbei gespielt. Es blieb dann bei Gitarre und ich habe auch nie den Ehrgeiz gehabt, mich bei den anderen Instrumenten so dahinterzuklemmen wie bei der Gitarre.

Du komponierst auf der Gitarre, oder…?

Ja. Ausschließlich auf der Gitarre.

Weil, viele komponieren auch auf dem Keyboard.

Kommt ganz auf den Song an. Ich kann mich auch ans Klavier setzen und komponieren, aber dann kommen ganz andere Sachen heraus, von den Melodien eher balladeske Songs mit Klavierbegleitung und weniger Songs mit e-Gitarre. Ich habe zum Beispiel vor Ewigkeiten einen Song geschrieben, der ist eine Klavierballade. Und den würde ich so, wie ich sie auf Klavier komponiert habe, niemals auf Gitarre spielen.

Hast Du eigentlich Vorbilder, beim Gitarrenspiel?

Oh Gott! (lacht)

Häufig wird jetzt Ritchie Blackmore genannt.

Jen MajuraRitchie Blackmore kommt nicht. (zögert) Als ich angefangen habe, mochte ich Gitarristen wie Nuno Bettencourt von Extreme, den ich als 8/9/10 jähriges Mädchen toll fand, jetzt natürlich immer noch! Ich finde ihn grandios, weil er sehr perkussiv, schnell und trotzdem stilvoll und songdienlich spielt. Ich bin nicht so sehr Fan der Shredder-Fraktion, die einfach nach dem Motto „schneller – höher – weiter“ Töne rausballert. Dann gibt es einen schwedischen Gitarristen, der meiner Meinung nach momentan einer der innovativsten grandiosesten Musiker auf diesem Planeten überhaupt ist, Mattias „IA“ Eklundh, der in der Band Freak Kitchen spielt. Er ist inzwischen auch ein guter Freund von mir. Er hat eine besondere Art und Weise, mit dem Instrument Gitarre umzugehen, ohne zu viele Effekte zu gebrauchen. Wenn man zu viele Effekte verwendet, wird der Sound immer so schwammig, das eigentliche Spiel hört man dann nur noch durch die Effekte verändert. Das einzige, was er verwendet, ist vielleicht mal ein Delay-Pedal, ab und zu mal ein Volume-Pedal und das war’s. Ich finde die Technik, die er hat, faszinierend und versuche das derzeit auch in mein Spiel zu integrieren. Er veranstaltet jedes Jahr das sogenannte Freak Guitar Camp in Göteborg. Da war ich letztes Jahr im August. Es war unfassbar, eine Mega-Erfahrung. Da treffen sich dann dreißig Gitarristen mitten in einem Pfadfinder-Camp im Wald in Schweden. Und Du machst den ganzen Tag nichts außer Gitarre spielen. Das war so etwas wie Urlaub für meinen Geist, für meinen Kopf. Es war unfassbar genial. Die Zeit, die ich im schwedischen Niemandsland irgendwo im Wald verbrachte, wurde jedoch jäh unterbrochen, als ich von Evanescence als neue Gitarristin bekannt gegeben wurde. Danach klingelte mein Telefon ohne Unterbrechung.

Du lässt Dich in kein musikalisches Schema pressen…

Danke schön

… Du spielst seit kurzem bei Evanescence Gothic Rock bzw. Rock. Du spielst bei Knorkator etwas derberen Rock…

Was ist Knorkator (lacht)

Ja was ist Knorkator, es ist Rockmusik mit vielen derben Späßen …

Knorkator ist einfach Deutschlands meiste Band der Welt, das kann man nicht anders beschreiben.

… Du hast Pagan/Death Metal gespielt, als Bassistin bei Equilibrium. Und auch bei DOZ OF HELL hast Du eine immense Bandbreite, Queen, Richie Kotzen, Steve Lukather, Mothers Finest, Beatles …

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll!

Genau! Gibt es irgendetwas, dass Du gern noch ausprobieren möchtest, eine Stilrichtung, die Du bisher noch nicht gemacht hast?

13072190_1242004335812306_789265457_oDubstep! (Wikipedia: „Dubstep bezeichnet eine größtenteils in South London entstandene Musikrichtung, die aus Reggae, Dub, Garage und Two Step hervorging.“ d.A.) Dubstep-Metal / Metal-Dubstep. Ich hätt‘ voll Bock drauf. Ich weiß noch nicht, wie ich das umsetzen kann. Ich bin derzeit am Komponieren. Am 18 Juni dieses Jahr werde ich auf dem Ibanez Guitar Festival spielen nach dem grandiosen Fusion-Gitarristen Martin Miller und vor Steve Vai (u.a. bei Frank Zappa, d.A.). Dort möchte ich irgendwie dubstepmäßig auf die Bühne kommen. Ich weiß noch nicht, wie ich das mache. Aber ich habe jetzt so ein ganz tolles neues Gerät in mein Equipment integriert, „Helix“ von der Firma Line 6, das kann alles außer z.B. Kaffee kochen. Ich sitze jetzt zu Hause in meinem Tüftel-Stübchen und kreiere Sounds, vielleicht bekomme ich es hin und werde auf der Bühne mit Gitarre Dubstep spielen.

Und jetzt wird’s persönlich. Bei DOZ Of HELL covert Ihr ja auch Jen Majura. Wie ist das eigentlich, ist es schwierig sich selbst zu covern?

Also, die Jen und ich, wir kennen uns schon ganz lange. (lacht) Man muss ja etwas die Geschichte der Band betrachten. Das sind alles Lehrer, die bei mir an meiner Musikschule (Music School Brilon, d.A.) unterrichten. Die Idee der Band ist entstanden bei den Schüler-Vorspielen zu Weihnachten. Normalerweise spielen die Schüler dann immer für ihre Eltern und die Lehrer. Und die Lehrer essen Kuchen und trinken Kaffee und tun nichts. Da haben wir uns gedacht, wir Lehrer sollten auch mal etwas für unsere Schüler spielen. So entstand diese Truppe. Du musst dann Musik spielen, die für die Schüler unerreichbar ist, also entschieden wir uns für drei Titel, die sauschwer zu spielen sind. Ein Jahr später war es dasselbe. Wir wollten uns aber nicht wiederholen. Deshalb haben drei andere Songs einstudiert. So hat sich das aufgebaut. Irgendwann habe ich mir gedacht, warum spielen wir nicht auch Songs von meinem Soloalbum. So entstand dann diese Band. Ich habe immer so ein Honigkuchengesicht-Grinsen im Gesicht, wenn ich mit der Band auf der Bühne stehe, denn es ist ein ganz tolles Gefühl, wenn Du auf der Bühne stehst und deine eigene Musik präsentieren kannst. Und wenn Du dann mit Musikern und Freunden gemeinsam auf der Bühne stehst und wenn Du auch noch Menschen hast, die davon begeistert sind, dann gibt’s doch nichts Besseres, oder?

Deine eigenen Songs, werden die noch mal variiert/modifiziert, oder spielst Du die so wie auf dem Album?

Wir übernehmen die Songs größtenteils eins zu eins. Auf dem Album sind natürlich mehr Synthie- und Sound-Effekte, die man live so nicht umsetzen kann, es sei denn, man arbeitet mit Samples. Wir sind jetzt aber dabei, demnächst auch mit Samples zu arbeiten, um auch gewisse Reverse-Effekte auf der Bühne präsentieren zu können. Und die Chöre habe ich alle selbst eingesungen, die klingen live natürlich anders.

Du bist viel unterwegs, mit Knorkator, mit Evanescence, hoffentlich bald auch in Europa. Du hast die Arbeit in Deiner Musikschule. Wie bringst Du das zeitlich unter einen Hut?

Es ist ganz einfach, pass auf. Meine Woche hat neun Tage und jeder Tag hat 37 Stunden…

OK, dann würde ich das auch schaffen

… Und wenn die 37 Stunden am Tag nicht reichen, dann nehmen wir eben die Nacht zum Arbeiten noch dazu.

Jetzt wenden wir uns mal den anderen beiden anderen Bands zu. Bei Knorkator spielst Du ja im wesentlichen Rhythmus-Gitarre und auch nur live. Bei den Studioproduktionen bist Du ja nicht dabei.

Jen MajuraDoch, ich war im Februar erst im Studio für die Produktion des neuen Albums, allerdings eher nicht an der Gitarre sondern Gesangsparts, für den Backing-Chor. Und das machte total Spaß, Alf und Stumpen sagten immer „mach mal so – mach so – mach so“. Und mitten in der Nacht „mach mal den Schrei…“ und dann stehst Du mitten in der Nacht im Studio und brüllst Dir die Seele aus dem Leib.

Übernimmst Du live Gitarrenparts, die im Studio eingespielt wurden und während des Konzerts als zweite Gitarre notwendig sind, oder soll Deine Gitarre der Live-Show einfach noch mehr Druck verleihen?

Nein, ich wollte nicht dasselbe spielen wie Buzz Dee. Wir haben also zusätzlich Gitarren-Arrangements ausgearbeitet, die nicht mal unbedingt auf dem Album sind, die das Spiel von Buzz Dee einfach ergänzen, damit der Sound einfach breiter, voluminöser klingt. So ist jetzt nicht schlimm, wenn ich nicht dabei bin. Denn Buzz Dee ist der Gitarrist von Knorkator und wenn er allein spielt, klingt es eben nach Original. Und wenn ich dabei bin, sind eben ein paar Töne mehr mit drin.

Du hast vor kurzem Dein erstes Soloalbum veröffentlicht. Die Liste der mitwirkenden Musiker liest sich wie das Who is Who der Deutschen Rock und Metal-Szene.

Es sind alles Freunde…

Damit ist meine Frage schon beantwortet.

… Ich habe mir bei dem Album vorgenommen, dass ich es in erster Linie für mich mache, damit meine Musik mal mit großem Sound produziert werden kann. Und das Projekt wollte ich mit guten Freunden realisieren. Deshalb ist Stumpen mit dabei, Toby (Tobias Kersting, d.A.) von Orden Ogan ist ein Kumpel von mir, mit Marco (Wriedt) bin ich schon seit vielen Jahren befreundet. Ich wollte einfach ein Album mit vielen Freunden machen.

Im Sommer letzten Jahres bis Du mal kurz nach New York gejettet.

Ich hab’s gut getarnt, zu diesem Zeitpunkt durfte ja noch keiner wissen, warum ich rüber geflogen bin. Und ich habe alles gesehen, innerhalb von einem Tag habe ich komplett die gesamte Halbinsel gesehen, habe jedes Sightseeing mitgemacht, damit auch alle wissen, dass ich auf einem Urlaubs-Trip in New York bin. (Lautes Lachen).

Ich habe auch gelesen, Du musstest ja nicht mal vorspielen. Amy Lee wusste also, wen sie eingeladen hatte.

Es war für mich selber verwirrend. Am 23. Juli trödelte abends eine e-Mail ein, wo ungefähr drin stand „Hallo Jen, ich bin der Manager der Band Evanescence, hast Du…“ Bis dahin habe ich gelesen, ich habe sofort auf antworten gedrückt und „Ja“ geschrieben. Ich habe überhaupt nicht nachdenken müssen. Etwa eine Woche später saß ich dann im Flieger. Amy habe ich vorher nie getroffen und ich war schon ein wenig nervös, immerhin gehören Evanescence zu den ganz großen Bands. Sind in der ganzen Welt getourt. Es hat dann einen Handshake und eine Umarmung gedauert, dann habe ich festgestellt, dass wir, Amy und ich, uns sehr ähnlich sind. Der große Unterschied zwischen uns ist, sie spielt Piano und ich spiele Gitarre. Wir haben den gleichen Humor, wir haben gelacht, gegessen, getrunken, sind spazieren gewesen und habe einfach Zeit miteinander verbracht. Was oft unterschätzt wird, Du kannst einen grandiosen Musiker in der Band haben, aber wenn die Chemie nicht stimmt, kannst Du das vergessen. Das sehen wir beide genauso. Deshalb war es gut, Zeit miteinander zu verbringen, ohne unbedingt ins Studio zu gehen und etwas zu spielen. Wir sind schließlich in einen Vintage Musikladen gegangen, ich hab‘ ‘ne Gitarre genommen und wir haben zusammen einen Song gespielt, Amy hat gesungen, ich habe die zweite Stimme gesungen und Gitarre gespielt. Und dann sagt sie einfach nur „You got the gig!“

Die Band selbst habe ich erst im November kennengelernt, als ich zu einigen Shows in den USA und Japan rüber geflogen bin. Die Chemie hat sofort gestimmt. Es herrschte ein richtig familiäres, freundschaftliches Verhältnis. Troy, Tim und Will sind grandiose Musiker. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich sie sehe. Es sind total liebe Menschen und ich freue mich, dass ich jetzt wieder ein paar Auftritte mit ihnen haben werde.

Du bist auch Sängerin und Songwriterin. Wirst Du Dich künftig in das Songwriting von Evanescense mit einbringen? Ach ja, und wird es auch mal ein Duett mit Amy geben?

Ich singe ja jetzt schon Backing-Vocals. Das gab’s bei Evanescence bisher nicht, Du kannst ja nicht einen Tim oder einen Troy weibliche Backing-Vocals singen lassen: Jetzt ist ein Mädel mit auf der Bühne, da geht das. Und es macht großen Spaß und ich werde künftig auch ein paar Songs mehr mitsingen. Duett – keine Ahnung, da musst Du Amy fragen …

Würde ich gerne

Auch was künftiges Songwriting angeht, da halte ich mich ganz bedeckt. Das ist Amy’s Sache. Das muss sie entscheiden.

Und nun kommen wir zur Schlussfrage. Was kann man in Zukunft von Dir erwarten? Ich denke ein neues Album von Evanescence wird kommen. Wie sieht es aus mit einem zweiten Soloalbum?

Wenn ich irgendwann mal ganz reich und berühmt bin, es mir leisten kann, einen Audi R8 LMS zu fahren, in einer Villa aus Marmor zu leben und ich in der Lage wäre, mir ein zweites Soloalbum zu finanzieren ohne Bankrott zu gehen, dann würde ich das durchaus sehr gerne tun. Aber Faktum ist es, wir leben in einer konsumorientierten Gesellschaft, die haltlos auf den Abgrund zurast. Da ist es fraglich, was der Beruf des Musikers in 10/15 Jahren noch wert ist. Ansonsten möchte ich künftig einfach gesund und glücklich sein. Ich lege sehr viel Wert auf Freundschaften, auf schöne Zeiten und gute intensive Momente. Und das ist das, was mir am wichtigsten ist, sei es jetzt musikalisch, sei es kulinarisch, sei es kreativ gesehen. Ich bin ein Mensch, der im Hier und Jetzt lebt, deshalb mache ich mir selten Gedanken um die Zukunft. Wie gesagt, ein zweites Soloalbum wäre schön, ich würde mich freuen. Ich freue mich aber auch auf viele Gastjobs, die ich vielleicht noch machen werde, mit anderen Bands oder Musikern. Ich habe jetzt z.B. beim Sänger von Therion, Thomas Vikström, auf deinem Soloalbum ein Solo gespielt. Darüber habe Ich mich sehr gefreut, denn er ist auch ein guter Freund und Musikerkollege. Dann werde ich auf dem Soloalbum von Luca Princiotta von Doro zu hören sein. Mal sehen was da noch alles kommt. Ich hoffe auf eine große Vielfalt, weil ich mich nicht auf eine Stilart beschränken lassen will. Und auf jeden Fall hoffe ich, dass ich mit meinen DOZ Of HELL Jungs ein wenig mehr auftreten kann. Mal gucken, was alles passiert.

Dann bedanke ich mich für das Interview…

Schatz – gern! Jederzeit wieder. (lacht)

 

Fotos: Tom Row (2), Rainer Kerber Photographie (2)

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